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Esther-Bejarano-Straße

Ottensen (2026). Esther Bejarano (15.12.1924 Saarlouis – 10.7.2021 Hamburg)
Verfolgte des NS-Regimes, Musikerin, Aktivistin.


Vorher hieß die Straße Bergiusstraße. „Die Umbenennung der Bergiusstraße erfolgt auf Grund einer festgestellten NS-Belastung des Chemikers und Unternehmers Friedrich Bergius. In dem Abschlussbericht von Dr. David Templin ‚Wissenschaftliche Untersuchung zur NS-Belastung von Straßennamen‘ wird folgendes Fazit gezogen: ‚Der Chemiker und Erfinder Friedrich Bergius wurde zwar nicht Mitglied der NSDAP. Er stellte seine Forschungs- und Entwicklungsarbeit im ‚Dritten Reich‘ jedoch , u. a. bei Vorträgen, in den Kontext der Autarkiepolitik des NS-Regimes. 1934 trat er öffentlich für ein ‚Ja‘ bei der Abstimmung zugunsten Adolf Hitlers ein, und war im Zweiten Weltkrieg bereit, für das Reichssicherheitshauptamt als V-Mann zu arbeiten – mit dem Auftrag, ausländische Wissenschaftler auszuspionieren (…).‘“ (Amtlicher Anzeiger Nr. 66, Freitag, den 21. August 2026, S. 1078) Siehe Bergius Biografie weiter unten.

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Esther Bejarano am 8. Mai 2021 bei ihrem wohl letzten Auftritt, aufgenommen im Gängeviertel; Quelle: Jan-Timo Schaube

Esther Bejarano ist am 10.07.2021 im Alter von 96 Jahren gestorben. Sie war so vieles: Künstlerin, Überlebende der Konzentrationslager Auschwitz und Ravensbrück, prominente Mahnerin gegen neofaschistische Umtriebe und unermüdliche Aufklärerin für Schulkinder und Jugendliche.
Vor allem war sie uns aber eine kritische und zuverlässige Freundin. Wir vermissen sie sehr.
Immer wieder meldete sie sich zu Wort, wenn Neofaschisten Einwanderer und Flüchtlinge bedrohten, wenn institutioneller Rassismus mehr oder weniger öffentlich an den Menschenrechten kratzte. Einige ihrer Aussprüche sind zu viel zitierten, geflügelten Worten geworden, zuletzt in ihrem Brief an den Bundesfinanzminister: „Das Haus brennt, und Sie sperren die Feuerwehr aus!“, als die Finanzbehörden mehrerer Bundesländer der VVN-BdA (Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten e.V.) 2018 die Gemeinnützigkeit entzogen.
Ich erinnere mich an Esthers Unterstützung, als wir Mitglieder der damaligen Initiative Bleiberecht für Roma und Cinti 1989 die alljährliche Demonstration anlässlich der Pogromnacht am 9. November dem Protest gegen die polizeiliche Räumung um ihr Bleiberecht hungerstreikender Roma aus dem Klinkerwerk in der Gedenkstätte Neuengamme widmen wollten. Esther entgegnete den Einwänden anderer Überlebender der Shoa gegen eine befürchtete Instrumentalisierung des Gedenkens an die Pogromnacht mit einer öffentlichen Erklärung unter dem Titel „Die Lebenden müssen geschützt werden. Das wurde dann später auch unser Titel für die Broschüre über den Kampf der geflüchteten Roma um ihr Bleiberecht in Hamburg.
Noch am diesjährigen (2021) Holocaust-Gedenktag sendeten die Tagesthemen Esthers eindringliche Video-Botschaft, in der sie sachlich und schonungslos die gegenwärtige Rechtsentwicklung in der Mitte der Gesellschaft einschätzt.
Esthers außergewöhnlicher Lebensweg begann am 15. Dezember 1924 als jüngstem von fünf Kindern des Kantors Rudolf Loewy und der Lehrerin Margarethe, geb. Heymann in Saarlouis. Schon früh entwickelte sie eine Leidenschaft für Musik, spielte Klavier und sang. Nach einer anfangs sorglosen Kindheit, die nach der Machtübertragung an den Hitlerfaschismus immer öfter von Zwangsmaßnahmen gegen jüdische Deutsche überschattet wurde, besuchte sie ein Vorbereitungslager für die Auswanderung nach Palästina, wurde nach dessen Auflösung in ein Arbeitslager und von dort am 19.04.1943 nach Auschwitz verschleppt, wo ihr die Verpflichtung als Akkordeonistin in das von der Lagerleitung angeordnete Mädchenorchester das Leben rettete. Im September 1943 wurde sie in das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück verlegt und musste von dort aus bei Siemens Zwangsarbeit leisten. Im April 1945 zwang die SS die Ravensbrückerinnen auf einen Todesmarsch, aber Esther und einigen Freundinnen gelang die Flucht. Am 3. Mai feierte sie gemeinsam mit Rotarmisten und GIs die Befreiung vom Faschismus: man brachte ihr ein Akkordeon, Esther spielte und alle lagen sich in den Armen und tanzten.
Wesentlich später erfuhr Esther, dass ihre Eltern 1941 in Kowno ermordet worden waren und ihre Schwester Ruth 1942 in Auschwitz. Ihre beiden ältesten Geschwister konnten rechtzeitig in die USA und nach Palästina ausreisen.
Ende 1945 gelang ihr die Auswanderung nach Palästina, sie arbeitete, wo immer sie Arbeit fand, begann schließlich ein Gesangsstudium und wurde ständiges Mitglied eines Arbeiterchors, der mehrere Preise erlangte. 1948 wurde sie zum Militär eingezogen. Während des Unabhängigkeitskrieges trat sie in Soldatencamps auf.
1950 heiratete sie Nissim Bejarano, 1951 kam die Tochter Edna und 1952 der Sohn Joram zur Welt. 1960 siedelten Esther und Nissim Bejarano nach Deutschland um und ließen sich nach kurzem Aufenthalt in Saarlouis und Saarbrücken in Hamburg nieder.
Ende der 1970er Jahre musste sie erleben, dass vor der Boutique, die sie damals betrieb, eine Nazi-Kundgebung stattfand. Nicht nur wurde die Umgebung mit einer Rede beschallt, in der der Holocaust geleugnet wurde, die Holocaustleugner wurden auch noch von der Polizei vor GegendemonstrantInnen in Schutz genommen.
Von da an begann Esther ihr Engagement, als Zeitzeugin in Schulklassen aufzutreten, und trat in der Folge der VVN-BdA bei, wo sie Anfang der 1990er Jahre eine der Bundessprecherinnen wurde. Außerdem begründete sie gemeinsam mit Peter Gingold und vielen anderen das Auschwitz-Komitee in der Bundesrepublik Deutschland e.V., deren Vorsitzende sie bis zu ihrem Tod war.
Auch ihre Musikkarriere nahm wieder Fahrt auf: Sie wurde Mitbegründerin der Gruppe Siebenschön, mit der sie 1987 sogar in Vancouver auftrat. 1988 gründete sie gemeinsam mit Tochter Edna und Sohn Joram und mehreren InstrumentalistInnen die Gruppe Coincidence. In beiden Formationen standen Lieder aus dem Ghetto, aus dem Widerstand und antifaschistische Lieder im Mittelpunkt. 2009 schloss sie sich mit der Hip-Hop-Band Microphone Mafia aus Köln zusammen, mit der sie und Joram bis 2020 einige Hundert Auftritte im In- und Ausland hatten.
Noch im Jahr 2018 übernahm sie die Rolle der Pianistin im prominent besetzten Musikdrama gegen das Vergessen „Die Kinder der toten Stadt“.
Hier ist Esthers Diskographie:
• 1987: S dremlen Feigl ojf di Zwajgn / Vögel träumen auf den Zweigen (Lieder aus dem Widerstand) mit Siebenschön
• 1995: Esther und Edna Bejarano & Coincidence: Lider fars Lebn – Lieder für das Leben
• 2012: Per la Vita mit Microphone Mafia
• 2013: La Vita Continua mit Microphone Mafia
• 2018: Rolle der Pianistin in Die Kinder der toten Stadt
Für ihr Engagement wurde Esther vielfach ausgezeichnet, mit dem Bundesverdienstkreuz in mehreren Stufen und mit diversen Hamburger und internationalen Verdienstmedaillen. Seit 2008 war sie Ehrenpräsidentin der VVN-BdA. Noch am 08. Mai 2021 nahm sie als Passagierin einer Fahrradrikscha an den Feierlichkeiten anlässlich des 76. Jahrestages der Befreiung vom Faschismus teil.
Esther zu begegnen, hat mir überdeutlich gemacht, was dieses irre geleitete Volk seinen Nachgeborenen durch den Hitlerfaschismus geraubt hat. Sie fehlt mir, auch mit 96, in der Art, wie ein Kurt Tucholsky unserer gegenwärtigen Literaturszene fehlt.
Ihr Vermächtnis an uns ist analog dem Schwur von Buchenwald;
Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung, der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel.
Text: Traute Springer

Umbenennung der Bergiusstraße in Esther-Bejarano-Straße

Die 1950 in Hamburg Ottensen benannt Bergiusstraße wurde 2026 umbenannt in Esther-Bejarano-Straße.

Bereits in der NS-Zeit wurde die Bergiusstraße als neuer Straßenname (alter Straßenname: Zweite Bornstraße) in der Liste „Umbenannte Straßen“ aufgeführt. Die Liste wurde im Hamburger Adressbuch von 1943 veröffentlicht und listet alle in der NS-Zeit umbenannten Straßen auf, auch diejenigen, bei denen die konkrete Umbenennung noch nicht vollzogen wurde. Bereits umbenannte Straßen wurden mit einem Stern gekennzeichnet.

Nach der Einführung des Groß-Hamburg-Gesetzes im Jahre 1937, durch das z. B. Altona, Wandsbek, Harburg-Wilhelmsburg, Lokstedt, Niendorf, Schnelsen, Rahlstedt, Bramfeld, Lohbrügge und andere Gebiete, die heute Hamburger Stadtteile sind, nach Hamburg eingemeindet wurden, ergaben sich bei den Straßennamen häufig Doppelungen. Viele der für eine Umbenennung in Frage kommenden alten Straßennamen wurden in der NS-Zeit aber nicht mehr umbenannt. Eine Umbenennung nach den 1943 aufgelisteten neuen Straßennamen erfolgte für diverse Straßennamen nach der Befreiung vom Nationalsozialismus. So wurde die Bergiusstraße 1950 benannt.

Als der Name Bergius in der NS-Zeit auf die Liste der durch Umbenennung neu benannten Straßen aufgeführt wurde, lebte Friedrich Bergius (11.10.1884 Goldschmieden bei Breslau – 29.3.1949 Buenos Aires) noch. Er war ein Befürworter des NS-Regimes.

Friedrich Bergius wuchs mit vier Schwestern auf. Sein Vater besaß eine chemische Fabrik. Nachdem Bergius 1907 zum Dr. phil promoviert hatte, heiratete er Margarete Therese, geb. Sachs (1885-1961). Ein Jahr nach der Hochzeit habilitierte sich Bergius an der Technischen Hochschule Hannover. 1922 ließ sich das Ehepaar Bergius scheiden.Mit seiner ersten Frau hatte Bergius zwei Kinder (geboren 1910 und 1916). In zweiter Ehe – wahrscheinlich ab 1923 – war er mit Ottilie, geb. Kratzert (1896-1972) verheiratet. Sie war die Tochter des Besitzers und Direktors der Chemischen Fabrik in Goldschmieden. Das Paar bekam ein Kind (geb.1925).

Der Historiker David Templin schreibt über Bergius:
Als Sohn eines Fabrikanten wurde Friedrich Bergius 1884 in Goldschmieden bei Breslau geboren.1) Nachdem er 1903 das Realgymnasium in Breslau abgeschlossen hatte, arbeitete er in einem Hüttenwerk in Mülheim an der Ruhr. Von 1903 bis 1907 studierte er Chemie an den Universitäten in Breslau und Leipzig, wo er 1907 mit einer Arbeit über Schwefelsäure promoviert wurde. In den folgenden Jahren arbeitete er wissenschaftlich an Instituten in Berlin, Karlsruhe und Hannover, 1912 folgte die Habilitation.2)

1913 gab Bergius die Lehrtätigkeit als Privatdozent auf und setzte seine Forschungen jenseits der Universität fort. Im selben Jahr meldete er ein Patent auf seine Entdeckung eines Verfahrens zur Kohleverflüssigung an. Als Leiter der Forschungslaboratorien trat er 1914 in die Th. Goldschmidt AG in Essen ein, zwei Jahre später wurde eine große Versuchsstation zur industriellen Umsetzung der Kohleverflüssigung in Mannheim-Rheinau eingerichtet. 1916 wurde Bergius auch stellvertretendes Vorstandsmitglied der Firma. Im Juli 1918 wechselte Bergius als Generaldirektor zur EVAG (Erdöl- und Kohleverwertung AG) – eine Position, die er bis 1924 ausübte. 1920 wurde er Generaldirektor des neu gebildeten Konsortiums Deutsche Bergin AG für Kohle und Erdölchemie in Heidelberg, wo er in den folgenden Jahren auch lebte. Bergius wurde Mitglied in zahlreichen wissenschaftlichen Gesellschaften, darunter auch der Deutschen Akademie zur wissenschaftlichen Erforschung und zur Pflege des Deutschtums in München. Mitte der 1920er Jahre verkaufte er seine Patente zur Kohleverflüssigung für rund 1 Million RM an die IG Farben, die das „Bergius-Verfahren“ weiterentwickelte und in den Leuna-Werken mit der industriellen Umwandlung von Kohle in Benzin begann.3)

Parallel zur praktischen Umsetzung seines Verfahrens zur Kohleverflüssigung hatte Bergius zur Umwandlung von Holz in Kohlehydratefuttermittel geforscht. 1927 richtete er eine entsprechende Versuchsanlage ein, ein Jahr später wurde er Vorsitzender des Aufsichtsrats der Holzhydrolyse AG. In der Wirtschaftskrise geriet das Unternehmen jedoch in finanzielle Schwierigkeiten. 1931 erhielt Bergius zusammen mit Carl Bosch (IG Farben) den Nobelpreis für Chemie. Im selben Jahr wurde er zum Ehrendoktor der Universität Hannover ernannt – ein Titel, dem ihm 1927 bereits die Universität Heidelberg verliehen hatte.4)

Mitglied der NSDAP wurde Friedrich Bergius nicht, zumindest findet sich in der NSDAP-Mitgliederkartei kein Hinweis darauf. 5) Er trat jedoch öffentlich für das neue Regime ein. Vor der Volksabstimmung über die Zusammenlegung der Ämter des Reichskanzlers und des Reichspräsidenten am 19. August 1934 warb Bergius in der Öffentlichkeit für ein „Ja“ und ließ sich in der NS-Presse mit der Erklärung zitieren, die „moralischen und geistigen Kräfte“ des deutschen Volkes könnten „nur zur Auswirkung kommen unter der einheitlichen starken Führung durch einen Mann, an den jeder glaubt: Adolf Hitler“.6) In Vorträgen, u.a. bei der vom NSDAP-Gau Hamburg (Amt für Technik) veranstalteten „Gautagung der Techniker“ im Oktober 1937, stellte Bergius seine Erfindung der Kohleverflüssigung in den Kontext nationalsozialistischer Autarkiepolitik. Sie sichere die nationale Rohstoffversorgung auch im Falle einer ausländischen Blockade und mache das Deutsche Reich vom „Monopol der erdölreichen Länder“ unabhängig.7)

Das NS-Regime nutzte und förderte Bergius´ Verfahren im Sinne ihrer Autarkiebestrebungen. Im Herbst 1934 konnte eine Holzhydrolyse-Anlage in Mannheim-Rheinau durch eine Reichsbürgschaft in Höhe von 2 Millionen RM ausgebaut werden.8) Im April 1935 überreichte Bergius für die Deutsche Bergin AG Hermann Göring eine Marzipantorte, die unter Verwendung von Holzzucker hergestellt worden war.9) Das Holzverzuckerungsverfahren wurde 1936 in den Vierjahresplan zur Rohstoffsicherung mit aufgenommen, so dass eine Fortführung der Arbeiten gesichert war. In diesem Zusammenhang übertrug Bergius allerdings seine Aktien an der Deutschen Bergin AG der Rentenbank-Kreditanstalt, die sich damit die Mehrheitsanteile am Unternehmen sicherte. Um 1938 saß er jedoch im Aufsichtsrat, und bis 1942 wirkte er als Generaldirektor der Deutschen Bergin AG.10) Damit hatte er, so das Hamburger Abendblatt 1949, „entscheidenden Anteil an der Autarkieplanung des Reiches“.11) In Heidelberg stellte ihm die NS-Regierung ein Laboratorium zur Verfügung, in dem er sich mit der Perfektionierung der Holzhydrolyse beschäftigen konnte. Im Zweiten Weltkrieg wurde Bergius´ Forschungsbetrieb in die „Forschungs- und Verwertungs-GmbH“ der DAF eingegliedert 12)

In der nationalsozialistisch gleichgeschalteten Presse wurde „der deutsche Chemiker“ Bergius mehrfach für seine Erfindungen gelobt, u.a. zu seinem 60. Geburtstag 1944. Die Rheinisch-Westfälische Nationalzeitung etwa lobte ihn unter dem Titel „Ein Deutscher gegen die Weltmacht Oel“ als Wegbereiter der wirtschaftlichen Unabhängigkeit Deutschlands, die Deutsche Allgemeine Zeitung nannte ihn einen „Blockadebrecher“.13) 1943 veröffentlichte Edgar von Schmidt-Pauli eine Biographie Bergius´ mit dem bezeichnenden Untertitel „Ein deutscher Erfinder kämpft gegen die englische Blockade“, in der er Bergius´ Forschungen als „patriotische Taten in hohem Sinne“ würdigte.14)

In den Jahren vor Kriegsbeginn war Bergius auch international ausgezeichnet worden. Im April 1934 verlieh ihm der Herzog von Kent in London die Melchett-Medaille für wissenschaftliche Leistungen.15) 1937 wurde er zum Vizepräsidenten des internationalen Ausschusses für Ersatzbrennstoffe und zum Ehrenmitglied des Physikalischen Vereins in Frankfurt am Main ernannt. 16) Im Dezember 1937 erhielt er die Wilhelm-Ekner-Medaille vom Niederösterreichischen Gewerbeverein.17)

Während des Krieges war Bergius laut der Nachkriegsaussage eines SS-Sturmbannführers einer von sechs Chemikern, die für das Reichssicherheitshauptamt (RSHA) als Kontakt- und V-Leute im Bereich der Auslandsspionage tätig waren. Eine für ihn vorgesehene Kontaktaufnahme mit zwei Professoren in Schweden und geplante Spionagetätigkeiten kamen dieser Quelle zufolge jedoch nicht mehr zustande.18) In der zweiten Jahreshälfte 1944 zog Bergius nach Österreich, nachdem seine Wohnung in Berlin durch Luftangriffe zerstört worden war.19)

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges versuchte Bergius sein Verfahren zur Holzverzuckerung als Lösung der Nahrungsmittelprobleme anzubieten und stieß damit bei der neuen Regierung Österreichs, wo die Ernährungslage der Bevölkerung sehr schlecht war, auf Interesse. Im August 1945 präsentierte Bergius in einer Denkschrift sein Konzept und war dabei gleichzeitig bemüht, sich als Geschädigter des Nationalsozialismus zu präsentieren. Ein Vertreter des Auswärtigen Amtes widersprach dieser Darstellung gegenüber der österreichischen Regierung. Im Oktober 1945 erhielt Bergius die österreichische Staatsbürgerschaft, im November gründete er die „Dr. Friedrich Bergius Fabrikationsges.m.b.H.“ und beschäftigte schließlich über 40 Mitarbeiter an drei Standorten. Im Sommer 1946 wurden jedoch etliche seiner Mitarbeiter aufgrund von Wirtschaftsdelikten sowie ihrer NS-Vergangenheit verhaftet. In den österreichischen Medien war daraufhin von „Prof. Bergius und sein[em] Nazistab“ die Rede, und die Regierung beendete die Kooperation.20) Im Frühjahr 1947 verließ Bergius Österreich und wirkte in den folgenden Monaten international als Berater beim Wiederaufbau und der Modernisierung chemischer Werke, u.a. in der Schweiz, der Türkei und in Spanien.21) Im Herbst 1947 zog er schließlich nach Buenos Aires, wo er als Berater der argentinischen Regierung unter Perón bei der Strukturierung des Energiesektors und dem Aufbau einer eigenen chemischen Industrie tätig wurde. Er verstarb im März 1949 im Alter von 64 Jahren.22)

Zu Ehren von Bergius wurde 1950 in Hamburg eine Straße nach ihm benannt. In Berlin erhielt 1958 eine neu eröffnete Realschule den Namen „Friedrich-Bergius-Oberschule“, und auch die Bergiusschule in Frankfurt am Main ist nach dem Chemiker benannt.23)

Text: David Templin